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"Dialoge schreiben, das kann ich wirklich"

Die Schauspielerin Rosemarie Fendel hat heute die Frankfurter Goetheplakette erhalten

27.02.09 || FRANKFURT (27. Februar 2009) - Einen Oscar hat sie nicht, aber an Auszeichnungen ist wirklich kein Mangel: Die Frankfurter Schauspielerin Rosemarie Fendel hat den Bundesfilmpreis in Gold, die Goldene Kamera, den Goldenen Adolf-Grimme-Preis, das Bundesverdienstkreuz und den Bayerischen Fernsehpreis erhalten. Heute, 27. Februar, wurde sie nun mit der Frankfurter Goetheplakette ausgezeichnet.

Angefangen hat es mit der Schauspielerei eigentlich schon in ihrer Kindheit. Da war die Sache mit ihrer Mutter. Rosemarie Fendels Beziehung zu ihr war innig. Die Frankfurter Schauspielerin, geboren in Metternich, erinnert ihre Kindheit und Jugend in Böhmen und die nach dem Verlust des Vaters "im Grunde immer traurige Mutter". Um die Tochter zu schonen, verkroch die sich manches Mal auf die Toilette, um dort ungestört weinen zu können. "Sie trauerte meinem Vater hinterher wie weiland Solveig hinter Peer Gynt", sagt Rosemarie Fendel. Das waren dann jene Momente, in denen sich die Tochter etwas Lustiges ausdachte, um die Mutter zum Lachen zu bringen. "Meistens ist es mir gelungen", sagt sie mit ihrer unverwechselbaren tief-warmen Stimme und nimmt einen Zug aus ihrer Zigarette. "Das war wohl schon der Anfang meiner Schauspielkarriere".

Seitdem sei er immer da gewesen: "der Wunsch, Menschen zum Lachen zu bringen". Bereits als Kind liebte Rosemarie Fendel übrigens Dialekte ("Ich kann sie heute fast alle"), ihre Mutter war gegen Dialekte allergisch.

Von der Bühne in den Regiestuhl


Schauspielunterricht nahm Rosemarie Fendel bei Maria Koppenhöfer, die sie bis heute verehrt. Ihre wichtigsten Theaterstationen waren die Kammerspiele München, die Salzburger Festspiele und das Düsseldorfer Schauspielhaus, an dem sie unter der Regie von Gustav Gründgens spielte. In den 80-er Jahren führte sie ihre erste Regie am TAT Frankfurt mit dem Stück "Nacht Mutter" von Mascha Norman. Eine junge Epileptikerin kündigt ihrer Mutter gegenüber den eigenen Freitod an. Die Regiearbeit zog etliche andere nach sich, zum Beispiel am Schillertheater Berlin und an der Josefstadt in Wien.

"Komödien sind das Schwerste"


Seit den 60-er Jahren kennt das große Publikum Rosemarie Fendel vor allem über Auftritte in beliebten Fernsehproduktionen. Als humorvolle Sekretärin "Fräulein Fuchs", genannt "Füchslein", in der Serie "Der Nachtkurier meldet" etwa, oder als Frau von Erik Ode in der Krimiserie "Der Kommissar". Man müsse sehen, dass man nicht in eine Schublade gesteckt werde, sagt Rosemarie Fendel und nimmt sich seit jeher die Freiheit, in sehr anspruchsvollen, tiefgründigen Produktionen mitzuwirken - und zugleich in eher unterhaltsamen Serien wie etwa gegenwärtig "Die Sonnenfelds". Zwischen E- und U-Kultur zu unterscheiden sei "dumm", Komödien erwiesen sich sowieso als das Schwerste: "Man muss sie ernst nehmen". Tschechow, im übrigen, zählt sie zum Boulevard.

Figuren füllt sie aus wie ein Kleid


An "Trotta" unter der Regie von Johannes Schaaf erinnert sich Rosemarie Fendel noch sehr genau. Sie spielte eine Lesbierin. Es gab eine Szene mit Doris Kunstmann, ihrer Filmgeliebten, die für einen ziemlichen Pressewirbel sorgte. "Wir schauten beide in einen großen Spiegel, trugen wunderschöne Kleider im Stile der Klimt-Gemälde, und ich legte eine Schulter bloß. Doch das war erotischer als jede Bettszene". Für ihre Rolle erhielt sie 1971 den Bundesfilmpreis in Gold. 1973 gab es die Goldene Kamera, 1978 den Adolf-Grimme-Preis. Wie sie sich ihren Figuren nähert? "Ich male mir sie aus wie ein Kleid. Zuerst ist es mir zu weit, doch dann versuche ich, es immer mehr auszufüllen".

Charakterfrauen lieh sie ihre Stimme


Nachdem ihre Tochter Suzanne zur Welt gekommen war, arbeitete Rosemarie Fendel sechs Jahre lang ausschließlich als Synchronsprecherin. Lieh starken Charakterfrauen wie Liz Taylor, Annie Girardot oder Jeanne Moreau ihre Stimme. Sie schrieb auch Drehbücher, beispielsweise für die Kinofilme "Momo" und "Brandnacht". Selbstbewusst sagt sie: "Dialoge schreiben, das kann ich wirklich".

Den Menschen aufs Maul schauen


Wenn sie erzählt, ist es ein Genuss, ihr dabei zuzuhören - und zuzusehen. Vor allem, wenn sie Erlebtes, wenn sie Alltägliches schildert. Dann nämlich werden daraus Theater-Miniaturen: "Ich gehe gerne in Spießercafés und Säuferkneipen". Dort hört sie den Menschen zu. Sie sagt: "Ich hab so ein ganz spezielles Dialoggedächtnis". Man muss den Menschen aufs Maul schauen, das habe schließlich schon Brecht gesagt, und manchmal, da baut sie Aufgeschnapptes zwischen Witz und Traurigkeit auch in eines ihrer selbst geschriebenen Drehbücher ein. Auf diese Weise entstanden ist ihr zweites Drehbuch für das Fernsehen unter dem Titel "Auf den Hund gekommen", eine Kriminalkomödie.

Poesie als "rettendes Geländer"


Einige Jahre gab sie Unterricht an der Frankfurter Hochschule für Darstellende Künste. Dort legte sie ihren Schülern immer wieder nahe: "Mach dich auf, lass dich zu, gib dich hin". Seit elf Jahren schon sucht sie Hörbücher für Kinder und Erwachsene aus. Und sie liest vor Publikum, liebt die Nähe zu ihm, die sie beim Fernsehen vermisse. Sie liest vor allem Gedichte, von Mascha Kaleko zum Beispiel. Oder Poeme der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Vislawa Szymborska. Rosemarie Fendel zitiert einen Satz ihres Gedichtes "Manche mögen Poesie". Darin heißt es: "Ich halte mich daran fest wie an einem rettenden Geländer". Rosemarie Fendel sagt: "Genauso geht es auch mir". Wenn dann, wie geschehen, ein ganzes Theater voll ist mit Publikum, macht sie das glücklich. Sie sagt: "Die Sehnsucht der Menschen nach guter Sprache und Gedanken scheint groß zu sein".
Ein Goethe-Zitat für jede Lebenslage


Ihre Tochter Suzanne von Borsody nennt sie manchmal einen Workaholic, erzählt Rosemarie Fendel, doch dann fällt ihr ein Goethe-Wort ein: "Ein guter Abend kommt heran, wenn ich den ganzen Tag getan". Sie glaube im übrigen, für jede Situation ein Goethe-Wort parat zu haben. "Wahrscheinlich bekomme ich deshalb die Goetheplakette", sagt sie mit einem Lachen. (Annette Wollenhaupt/pia)