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Ein Nest voll Kindermehl

Vor 200 Jahren wurde Heinrich Nestle in Frankfurt geboren - Vom Apothekerlehrling zum Erfinder von Babynahrung von Margarete Lausberg/pia

16.08.14 || altFRANKFURT (15. August 2014) - Ein Frankfurter erobert die Welt: Mit dem Namen Nestlé verbinden Millionen Menschen heute Kaffee, Maggi, Milch. Die Ursprünge des Konzerns mit seinen heute 330.000 Mitarbeitern rund um den Globus liegen in Frankfurt. Dort wurde der Gründer vor 200 Jahren als Heinrich Nestle geboren.

Das nebenstehende Bild zeigt Heinrich Nestle. Foto: Wikipedia

tMit Nahrungsmitteln hatte die Familie Nestle ursprünglich nichts zu tun. Heinrichs Großvater und Vater waren Glaser, Mutter Anna Maria Catharina kam ebenfalls aus der Branche. Großvater Johann Ulrich war 1755 aus dem württembergischen Sulz am Neckar nach Frankfurt gekommen, hatte reich geheiratet und sich damit die Basis für das geschaffen, was in der Moderne Einbürgerung heißt: Er erhielt nach Prüfungen das Frankfurter Bürgerrecht. Die Nestles gehörten zu den sozialen und wirtschaftlichen Aufsteigern in der Freien Stadt Frankfurt. Handwerk, Handel und vermögende Ehepartner brachten Geld ins Haus. Auf dem Weg nach oben änderte die Familie ihren Namen. Aus Schreibweisen wie Nästlin oder Nestlen wurde Nestle.

Ein Nest als Markenzeichen


Im Laufe seiner Karriere sollte Heinrich Nestle noch zweimal seinen Namen ändern: zunächst in Henri Nestlé, später mit dem Verkauf seiner Firma dann in Henri Nestlé-Ehmant. Das Nest aber blieb und mutierte zum Markenzeichen des Unternehmens. Es verband den Namen mit dem von Nestlé 1867 entwickelten Kindermehl, das als Ersatznahrung für Säuglinge diente: Schon ein Jahr später zeigte das Firmenlogo drei Jungvögel im Nest, die von einem Altvogel gefüttert wurden. Das Kindermehl wurde zu einem der ersten Markenprodukte, denn Nestlé setzte das Zeichen konsequent sowohl in der Werbung als auch auf Etiketten ein. Er erzielte damit einen verkaufsfördernden Wiedererkennungseffekt: „Man muss mein Produkt auf den erste Blick erkennen können", schrieb er dazu 1868. Das nur leicht abgewandelte Logo nutzt der Konzern bis heute.

Zwischen Frankfurt und der Schweiz


Heinrich Nestle kam am 10. August 1814 in Frankfurt zur Welt. Das Elterhaus stand an der Ecke Töngesgasse/Hasengasse in der Nähe der modernen Einkaufsstraße Zeil. Nestle war das elfte von vierzehn Kindern. Über seine Jugend ist wenig bekannt. Fest steht laut Biograf Albert Pfiffner, dass er etwa zwischen 1829 und 1834 eine Lehre in der Brücken-Apotheke in der Fahrgasse unweit seines Elternhauses absolvierte. „Danach verliert sich seine Spur", konstatiert der Frankfurter Historiker Otto Schembs in einem Aufsatz. Nestle tauchte erst 1839 im schweizerischen Vevey wieder auf. Warum er Frankfurt verließ, bleibt unklar. Albert Pfiffner vermutet in erster Linie politische Gründe hinter der Auswanderung. Pfiffner ordnet Heinrich Nestle den liberalen Kräften zu, die von der in Frankfurt am Main sitzenden Bundesversammlung immer wieder unter Druck gesetzt wurden. Ein anderes Motiv für den Weggang waren wohl die im 19. Jahrhundert für Gesellen üblichen Wanderjahre. An den Main kehrte er hin und wieder zurück. Unter anderem, um 1860 die Frankfurterin Anna Clementine Therese Ehemant zu heiraten.

Durchbruch mit Kindernahrung


In Vevey hatte Nestlé 1839 zunächst die Zulassungsprüfung zum Apothekergehilfen abgelegt. Doch schon bald danach baute er sich - wohl mit Geld der Frankfurter Verwandtschaft - eine Existenz als Unternehmer auf. Die erste Produktpalette umfasste Mineralwasser ebenso wie Senf, Essig und Öl, aber auch Kunstdünger und Gas für Straßenlaternen, mit dem er die Stadt Vevey belieferte. Absatzprobleme beim Gas brachten den Unternehmer dazu, sich wieder verstärkt den Nahrungsmitteln zuzuwenden. Angesichts einer hohen Säuglingssterblichkeit suchte Nestlé wie sein Zeitgenosse Justus Liebig nach einem Ersatz für Muttermilch. Auf Basis einer von Liebig entwickelten Suppe mischte Nestlé Kondensmilch, Zucker, Kaliumcarbonat und zwiebackähnliches Brot zum sogenannten Kindermehl, das sich schnell am Markt durchsetzte. 1868, zwei Jahre nach der Erfindung, begann das internationale Geschäft; der Grundstein des modernen Unternehmens war gelegt.
Henri Nestlé wurde 1874 in Vevey eingebürgert.

Dafür gab er das Frankfurter Bürgerrecht auf. Ein Jahr später verkaufte er seine Firma, die in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Heute beschäftigte das Unternehmen rund 330.000 Mitarbeiter, knapp 13.000 davon in Deutschland. Die Deutschland-Zentrale steht in Frankfurt-Niederrad, wo das Untenehmen noch expandieren will. Geplant sind ein Campus mit Kindertagesstätte und Fitness-Studio sowie ein öffentlicher zugänglicher Laden plus Konferenzzentrum. Insgesamt sollen und 13,5 Millionen Euro in beide Projekte fließen.

Nur noch wenige Spuren am Main


Den 200. Geburtstag des Gründers will Nestlé am Main im Verbund mit dem Kunstmuseum Städel und der Universität feiern. Im Städel können Besucher am 24. August historische Exponate aus der Zeit Nestlés und Führungen zum Thema Ernährung erleben. Gemeinsam mit der Goethe-Universität ist ein Kolloqium zu Gründerpersönlichkeiten geplant. Im Stadtbild fehlen Spuren des Unternehmers. Sein Geburtshaus wurde bereits 1877 abgerissen, die Brückenapotheke im Zweiten Weltkrieg zerstört, wie Otto Schembs recherchierte. Familiengräber gibt es auf dem Peterskirchhof und dem Hauptfriedhof, Henri Nestlé selbst wurde 1890 in Montreux in der Schweiz beerdigt.

Literatur:

Albert Pfiffner: Henri Nestlé (1814-1890). Vom Apothekergehilfen zum Schweizer Pionierunternehmer. Erweiterte Neuauflage zum 200. Geburtstag. Nestlé AG, Cham und Vevey, 2014

Der Aufsatz von Otto Schembs „Seine Wiege stand in der Töngesgasse" erscheint in der Seniorenzeitung der Stadt Frankfurt.