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„Ich brauch´ Dich!“

Hermann Kräckmann feierte 100. Geburtstag - Viele Erinnerungen

27.07.10 || altHOFHEIM (26. Juli 2010) - Selten kann man Menschen in diesem hohen Alter die Gesprächsführung überlassen, weil sie in Erinnerungen zu stark abschweifen oder ihr Gedächtnis gar zu sehr lückenhaft geworden ist. I

m Fall des Hermann Kräckmann ist das ganz anders: Der muntere, ältere Herr nimmt Platz und nimmt damit zugleich den Gesprächsfaden auf, der in Folge nur noch selten etwas verlegt oder von Tochter Doris Hartmann ergänzt wird - Hermann Kräckmann ist über sein Leben über bisher pralle zehn mal zehn Jahre noch voll orientiert und erfreut sich nachträglich immer noch daran, bis ins 90. Lebensjahr sein Auto gefahren zu haben und „schwört" voller Hingabe daran: „Ich könnte heute noch wie früher fahren!" Es ist die fürsorgende Vorsicht seiner Tochter, die ihn davon abhält.

Hermann Kräckmann (Mitte) mit Tochter Doris (rechts) und Schwiegersohn Harald Hartmann (links) wenige Tage vor seinem 100. Geburtstag. Foto: wm


Er ist in Lorsbach geboren worden, kam dann im Ersten Weltkrieg 1915 mit seinen Eltern über Bad Homburg-Bommersheim nach Hofheim, erlernte den Beruf des Drehers, machte seinen „Meister" - und das alles wie in dieser schlimmen Nachkriegszeit, die später wieder in den Krieg führte?

Da war noch Vater Kräckmann, der mit Adolf Mohr zusammen den Beruf des Schlossers gelernt hatte. Die Familie Kräckmann hatte drei Kinder, zwei Söhne, eine Tochter. Der ältere Bruder arbeitete in der Firma Mohr in Hofheim, stand mit dem „alten" Mohr auf gutem Fuß und hörte sich seine Klage an, aufgrund des Krieges und der Nachkriegszeit keine Arbeiter in der Halle zu haben. Er empfahl ihm seinen Bruder zur Vorstellung. Adolf Mohr kannte die Vorzüge seines jungen Mitarbeiters Kräckmann und dachte sich, dass der zweite Sohn nicht anders als der erste sein könne, ließ keine Zeit vergehen und rief zuhause an: „Ich brauch ´ Dich!" So kam Herrmann Kräckmann 1924 zu Mohr.

Es war keine leichte Zeit für die Familie Kräckmann, nach dem Ersten Weltkrieg in Hofheim zu leben: Die Franzosen hielten die Militär-Kommandantur auch über diesen Einzugsbereich und drohten den Hinzugezogenen mit Ausweisung, die sie dann aber zurücknahmen.

Hermann Kräckmann enttäuschte Bruder und Mohr nicht und „machte" sich in der Firma. Er hatte Gefallen an Theaterspiel und Sport, daher trat er in den TV Vorwärts ein, der später in den TV 1860 Hofheim auf Anordnung der Nationalsozialisten integriert werden musste.

Im Verein wurde gern Theater gespielt: „Fast die Hälfte der Turner war auch im Ensemble," erinnert sich Hermann Kräckmann. Eine dieser Damen bei Turnen und Theater war auch Hedwig Roth. Kräckmann heiratete sie 1933. In dieser Ehe wurde Tochter Doris Kräckmann geboren, die Harald Hartmann geheiratet hat. Zwei Enkel und zwei Urenkel machen heute die Gesamtfamilie mit aus. - so entstanden diese „Hartmanns" in Hofheim heute.
Hermann Kräckmann blieb ein Mann der „Mohrs": des Adolfs, Karls und Rudolfs. Der Meister schaffte sich zum Betriebsleiter hoch. Er blieb 608 Monate in der Weltfirma: Das sind genau 50 Jahre und acht Monate - von 1924 bis 1974 - über sehr schwere und sehr gute Zeiten hinweg. Das muss noch heute und erst recht morgen erst mal einer nachmachen!

In der Familie Kräckmann, dann auch in der Familie des Harald Hartmann denkt man kultiviert praktisch, so muss man diese Familiengeschichte erkennen: Harald Hartmann wurde Kfz-Mechaniker, dann Meister im Autohaus Roth. Aus diesem Beruf mit fester Anstellung hat er sich bei „Aral" in der BRD um die Führung einer Tankstelle beworben. Er bekam sie. Es war die unterhalb des Bahnhofs, an die sich noch zahlreiche Hofheimer erinnern können.

Im Lauf der Jahre zog der Meister hoch in die Niederhofheimer Straße. Dort eröffnete er das Autohaus Hartmann und bot die Fabrikate „Alfa Romeo"ome" und „Toyota" an. Das Autohaus besteht weiterhin: Töchter und Enkel arbeiten darin.

Hermann Kräckmann konnte mit seiner Ehefrau noch die Diamantene Hochzeit feiern. Das Paar war 66 Jahre zusammen. Seit 2002 ist er Witwer.

Er hat viel geschafft und geleistet. Er hat sich aber auch Erholung gegönnt. Seit 1934 ist er auf Main, Rhein, Lahn und Mosel Paddelboot gefahren. Die Ehefrau nähte am Zelt mit, dem sie auch Tarnfarben gaben. Dann haben sie Camping gemacht und sind mit Freunden weit in Europa rumgekommen.

Sportlich wandte er sich nach dem Turnen dem Ski und Kegeln zu. Ein Boot hat er auch gefahren. Da war er „Kapitän"! Bis ins 99. Lebensjahr hinein ist er noch in Urlaub gefahren.

Hermann Kräckmann hat viel erlebt in seinen bisher 100 Jahren. Er hat gespart und dann danach gelebt. So konnte er sich mit Familie etwas leisten. Auch ein Haus. „Ein schönes, bewegtes Leben, mit einem richtigen Familienleben!" freut er sich. An Turnen, Theater und Handwerk erinnert er sich gern. Einen Abschleppwagen baute er selbst. Traten technische Probleme auf, zog er Block und Bleistift und skizzierte erst mal eine Lösung. Danach handelte er dann.

Mit Wärme spricht seine Tochter darüber, wie oft und gern er sich angeboten hat, ihr und seinem Schwiegersohn in deren Betrieb auszuhelfen: „Er wurde für uns so eine Art Vorbild," sagt sie heute. Er hat auch noch „Andenken" an seine frühen Jahre: Sein Führerschein für Holzgasgefährte ist noch mit Schreibschrift ausgefüllt. Einen Führerschein zum Führen eines Sportboots besitzt er auch.

Er erinnert sich nicht nur an sich, auch an den „Rosen Philip" und an den „Hammels Anton", der sein Freund war und das Kiosk am Bahnhof führte. Einige Freunde vom Kegeln leben noch. Aber von den Freunden seines Jahrgangs lebt keiner mehr. Er reicht ein schönes Foto herum. Vier nette, junge Männer in einer Reihe. Er ist darunter. Ein eleganter Mann. Sonntags hat er oft den „Adenauer"-Hut getragen. So lange ist das alles schon her. Doch er weiß noch über alles gut bescheid.

Die Familie feierte mit ihm Geburtstag am 24. Juli 2010 zuhause in Haus und Garten und mit zahlreichen Gästen. Die Stadt gratulierte ihm auch. Es geht ihm gut. So soll es bleiben. So lauteten auch die meisten Geburtstagswünsche an ihn.

Die ersten Tage seines zweiten Jahrhunderts Lebenszeit hat er bereits gut hinter sich. (wm)