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Freiheit für die Imagination

Die iranische Schriftstellerin Pegah Ahmadi lebt für zwei Jahre in Frankfurt

10.12.09 || FRANKFGURT (10. Dezember 2010) - Die Stadt stellt ihr eine Wohnung, die Buchmesse steuert ein Stipendium bei: Die iranische Autorin Pegah Ahmadi ist vor drei Monaten in Frankfurt angekommen, wo sie im Rahmen des Projekts "Stadt der Zuflucht" für zwei Jahre ein neues Zuhause hat. Betreut wird die junge Lyrikerin von der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika.

Am 18. September kam Pegah Ahmadi am Frankfurter Flughafen an. Für die 35 Jahre alte Autorin aus dem Iran, die in ihrem Heimatland unter der Regierung von Mahmud Ahmadinedschad seit 2004 nur stark eingeschränkt publizieren darf, war es ein ganz besonderer Augenblick. "Ich dachte nur", erzählt sie, "endlich in Freiheit, endlich frei atmen." Die junge Frau mit dem dunklen, schulterlangen Haar, der streng anmutenden schwarzen Brille und der legeren schwarzen Kleidung sagt noch etwas: Es habe sich angefühlt, wie endlich "aus dem Käfig herauszukommen". Raus aus jenem Käfig, in dem sie alle in Iran säßen: "Alle, die sprechen wollen, die frei wählen möchten, alle die auf der Suche sind". Mit Pegah Ahmadi beg rüßt Frankfurt im Rahmen des Netzwerkes "Städte der Zuflucht" bereits seinen fünften internationalen Gast für die Dauer von zwei Jahren. Die Stadt selbst stellt eine Wohnung, die Frankfurter Buchmesse steuert ein Stipendium bei, betreut wird Pegah Ahmadi von der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika (litprom).

Der Traum vom Fliegen


Mehr Traurigkeit als Wut ist spürbar, wenn die iranische Autorin von "den vielen jungen Talenten des Iran", den Malern, Schriftstellern, Filmemachern und Intellektuellen erzählt. Wenn sie sagt: "Sie wollen fliegen. Aber unsere Regierung lässt sie nicht einmal atmen." Pegah Ahmadi erzählt von den Schließungen all jener Treffpunkte, an denen man einst seine Gedanken austauschte, über Poesie oder Malerei diskutierte. Sie erzählt auch von Inhaftierungen. Von Zensur, davon dass die Regierung die Arbeit kritischer Medien behindere oder gleich unmöglich mache. "Selbst am Telefon, wenn ich mit einem Freund spreche", erzählt sie, "sagt er zu mir, 'sei vorsichtig, es kann jemand mithören'". Auch wenn man zuhause se i, sagt sie, "denkst du, irgendwo ist vielleicht eine Überwachungskamera".

Über was schreiben in einer Demokratie?


Zwei Jahre lang wird Pegah Ahmadi in Frankfurt leben. Mitten im Stadtteil Sachsenhausen, umgeben von Apfelweinkneipen und Bars. Seit ihrer Ankunft sind fast drei Monate vergangen. Vom Trubel des bei Touristen besonders beliebten Viertels hat sie nicht viel mitbekommen. "Wenn ich ehrlich bin", sagt Pegah Ahmadi, "bin ich meistens hier in dieser Wohnung, ich schreibe meine Gedichte oder gehe in den Deutsch-Intensivkurs der Volkshochschule". Die junge Gastautorin mag die deutsche Sprache, denn sie sei "logisch und perfekt". Vielleicht finde sie ja auch über das Deutsche den von ihr so sehr erhofften Kontakt zu jungen deutschen Autorinnen und Autoren. Sie möchte erfahren, was sie antreibt zum Schre iben, fragt sich: "Was bleibt zu schreiben, wenn doch alles perfekt ist, die Menschen in einer freien, demokratischen Gesellschaft leben?". Sie genießt das Alleinsein. In Iran lebt sie zusammen mit ihrem Vater und ihrer Großmutter. "Fast immer ist jemand zu Besuch", das Arbeiten in Ruhe kaum möglich. "Alleine zu leben", sagt Pegah Ahmadi "ist sehr wichtig". Das Telefon klingelt, es ist ihr Vater. Sie vertröstet ihn auf den späteren Abend.

Gedichte mit mehr als einer Stimme


Die Regale in ihrer Wohnung sind nur spärlich gefüllt. Pegah Ahmadi zieht einige ihrer Gedichtbände hervor. "Die meisten Gedichte sind sozialkritisch", sagt sie, "und sehr untypisch für iranische Frauenliteratur." Iranische Frauen schrieben in der Regel Liebesgeschichten. Gefühle und Landschaften seien das, was sie beschäftige. "Ich hasse diese Art zu schreiben", sagt Pegah Ahmadi, leise und doch sehr bestimmt. Vor elf Jahren erschien ihr erstes Buch. Es dauerte, bis sie ihren eigenen "Fingerabdruck" entwickelte, ihren eigenen Stil. Sie spricht von "polyphonic poems", von mehrstimmigen Gedichten. "Eine Stimme kann sehr privat sein, die andere sich auf Bereiche gesellschaftlichen Lebens beziehen. " Ein gutes Beispiel hierfür ist Pegah Ahmadis Gedicht "Ouvertüre zum Abschied". In seiner zweiten Strophe heißt es: "In dieser Ecke der Welt aber, die mich desinformiert, hier, wo ich mit dir aufblühe, wird ein Satz aus dem Blut dieser Straßen für ein paar Augenblicke vergessen". Geht sie auf die Suche nach den Wurzeln der heutigen Gesellschaft, auch nach denen des Geschlechterverhältnisses, schreibe sie nicht in der Sprache von heute, sondern verbinde Elemente der traditionellen Sprache ihrer Heimat mit solchen der Gegenwart. Warum sie Gedichte schreibe? "Sie unterliegen keiner Kontrolle", sagt Pegah Ahmadi, "sie lassen Freiheit für die Imagination. Kein Charakter, kein Erzählstrang stoppt dich."

Eine ungewisse Zukunft


"Ich hoffe, zurückkehren zu können", sagt die iranische Gastautorin. Dass dem iranischen Regime allerdings der Aufenthalt in Frankfurt und kritische Äußerungen ihrerseits zur Lage in Iran wohl kaum gefallen dürften, ist ihr klar. Doch vielleicht arbeitet ja auch die Zeit für sie und ihre Mitstreiter. Pegah Ahmadi hat eine große Hoffnung. Die junge Generation des Iran sei "sehr wütend". Dass es der Regierung trotz Unterdrückung bisher nicht gelungen sei, den breiten Widerstand zu brechen, macht ihr Mut. (pia/Annette Wollenhaupt)