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„Michelsberger Kultur“ auf dem Kapellenberg ist ein Fundplatz mit europäischer Bedeutung

Dritte Grabung erbrachte neue Erkenntnisse über die jungsteinzeitliche Höhensiedlung - Stadtmuseum erhielt Grabungsfunde und kommt die Aufnahme in Regionalpark-Route?               von Ralph Delhees

30.10.12 || altaltHOFHEIM (30. Oktober 2012) - Das war vor zwei Jahren eine Sensation: Der Vortrag über die Ausgrabungen auf dem Hofheimer Kapellenberg zur „Michelsberger Kultur" im Schulmuseum Kriftel hatte mit dem Besuch von rund 50 Hofheimer und Krifteler Bürgern das Historische Klassenzimmer nahezu überfüllt. Jetzt, 2012, war altBürgermeisterin Gisela Stang mit dem Magistrat hoch zu den neuen, dritten Grabungen auf den Kapellenberg gezogen und beeindruckte damit ihre Stadträte und überzeugte sie vor Ort von diesem „Fundplatz mit europäischer Bedeutung", der ihr ein Anliegen ist, ihn in Zukunft mit der Regionalparkroute zu verbinden. Hinzu kommt: Die Grabungen an der jungsteinzeitlichen Höhensiedlung halten sich finanziell für die Kreisstadt Hofheim, „HessenARCHÄLOGIE", Wiesbaden, und „Römisch-Germanisches Zentralmuseum" („RGZM"), Forschungsinstitut für Archälogie, Mainz, und Johannes Gutenberg-Universität, Mainz, in tolerierbaren Grenzen. Die diesjährige dreiwöchige Grabung im Juli/August leitete Werner Feth M.A. ihm halfen dabei sechs Jung-Archäologen, Studentinnen und Studenten der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, und Prof. Dr. Detlef Gronenborn hält die Verantwortung und Übersicht. Beide Herren werden von Prof. Dr. Angela Kreuz bei den Grabungen und Deutungen daraus unterstützt. Das gesamte Team kommt der Realität auf dem Kapellenberg von vor über 4.000 bis 6.000 Jahren näher. Es gibt Mehrdeutungen um Details, da es keine schriftlichen Überlieferungen gibt, aber die Forschung und Nachforschung über Funde und Grabungen verfestigen einige Annahmen und Deutungen und schließen damit andere aus.

Bürgermeisterin Gisela Stang (Mitte) erkennt anhand der Grabungen auf dem Kapellenberg einen „Fundplatz mit europäischer Bedeutung". Die Grabungen sind hier noch nicht abgeschlossen und könnten voraussichtlich 2013/14 fortgesetzt werden. Auch Grabungsleiter Werner Feth und Prof. Dr. Detlef Gronenborn, Archäologische Aufsicht u.a., sind von der europäischen Bedeutung dieses Grabungsorts und seiner Fundstellen überzeugt. Fotos ( ): © Ralph Delhees

Grabungsfunde vom Kapellenberg kommen ins Stadtmuseum


Nicht nur die herausragende Bedeutung der steinzeitlichen Wallanlage als Bodendenkmal ist für die Kreisstadt Hofheim wichtig, sondern auch die Tatsache, dass dem Stadtmuseum Hofheim die Funde der verschiedenen Grabungskampagnen nach der Auswertung übergeben werden sollen. Dies war ein Anliegen von Bürgermeisterin Gisela Stang bei einer Zusammenkunft am Grabungsort, damit Originale vom Kapellenberg im Stadtmuseum zu präsentieren. Der Wunsch der Bürgermeisterin wurde erhöht und am 13. August war es soweit. Die ersten Kartons mit Funden aus Grabungen der 1970er Jahre, darunter die Sammlung von Rolf Kubon, und aus der Grabung 2008 wurden dem Stadtmuseum übergeben.

Schon drei Grabungen - Ohne einen Bagger wären die ersten Ausgrabungen nicht möglich gewesen


Für die Archäologin und Doktorandin Nadine Richter (MA), Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz, waren die ersten Grabungen hier, Hintergründe und Funde im Zeitraum 2008 und 2009 auf dem Kapellenberg, wichtig für ihr wissenschaftliches Schaffen. Sie dankte damals ganz besonders der Stadt Hofheim für ihre Einsatzbereitschaft zu den Grabungen mittels eines Baggers, ohne den die ersten Ausgrabungen vermutlich ins Stocken geraten wären: Das Grabungsteam hatte sich in der Sache anderthalb Wochen zuvor fast vergeblich bemüht und geschunden. Der Durchbruch bei der Wallgrabung war nur mit Hilfe schweren Geräts zu schaffen gewesen. Das war vom Grabungsteam zuvor unterschätz worden: Das verbliebene Wurzelwerk samt Baumstümpfen der für die Grabung gefällten Bäume war mit Spaten und weiterem leichtem Werkzeug nicht zu beseitigen. Doch auf die Überwindung dieser Hindernisse kam es auch für den Erfolg der Grabungen an.

Weite Zersiedelung - Professor Lüding gab den Namen „Michelsberger Kultur"


Professor Lüding in Frankfurt gab einst diesen Funden den richtigen Namen: „Michelsberger Kultur". Die „Michelsberger" siedelten um 4.400 im oberen Rheinland und zersiedelten sich südlich bis in den Stuttgarter Raum von heute. Ihre Siedlungen waren zwischen 45 und 100 Quadratkilometer groß. Sie bestanden aus Einzelbehausungen in Gruppen und auch aus langen Blockbauten aus Holz, die unglaublich standfest waren, was anerkennenswerte Rückschlüsse auf ihre Handwerksfähigkeiten zulässt. Die Experten bemerkten dass erst, als sie versuchten, diese Bauten nachzubauen.

Kultur kurz und weitreichend - Forscher Cohausen erkannte die Wallbildung mit Vorwall


Weshalb sie auf dem Kapellenberg siedelten, bleibt bisher unbeantwortet. Lebten sie in der Ebene und zogen sich wegen Klimaveränderung nur von Zeit zu Zeit auf den Berg zurück? Wegen Krieg und Abwehr wohl nicht. Kein Fund lässt darauf schließen. Es gibt über sie auch keine Gräber. Wie bestatteten sie ihre Toten? Hingen sie die in die Bäume, um sie derartig „der Natur zurückzugeben"?

Man entdeckte von ihnen ein Haus mit Grube. Aber diese Grube lässt Fragen offen. Insgesamt hat die „Michelsberger Kultur" wohl 100 Jahre angehalten. Sie siedelten entlang des Rheins mit großen Ansiedlungen bis runter an den Bodensee und wie bereits erwähnt in den Stuttgarter Raum, aber auch bis hinein ins Pariser Becken.

Dem Forscher Cohausen ist die archäologische Entdeckung des zunächst „unscheinbaren" Kapellenbergs in Hofheim zu verdanken. Er legte eine Karte von ihm an (1883-1885) und erkannte auf ihm diese Wallbildung mit Vorwall. Ihm sind auch erste Funde zu verdanken. Danach geriet der Berg für 100 Jahre nahezu in Vergessenheit. Eine Neukartierung erfolgte 1963 bis 1965. Luftbilder zur weiteren Neukartierung werden vermutlich 2010 von ihm gemacht.

Viele Funde in Wällen


Die Grabungen führen in die Zeit um 4400 v. Chr. auf den rund 2,5 Kilometer (km) langen Höhenzug Kapellenberg zurück und weisen auf die Wallanlage mit Vorwall und Hauptwall von rund 3,5 bis vier km Ausmaß nach allen Seiten, die aber nie ganz als Erdwall aufgeschüttet war. Wichtig von Anfang an war der verstorbene Hofheimer Forscher Rolf Kubon. Erst seine Funde und Auffassungen über sie haben die Archäologen auf die richtige Spur geführt, hier schließlich nach der „Michelsberger Kultur" zu graben und zu forschen. Es gab reichlich Fundstücke: Entlang des Hauptwegs in der Anlage auf dem Kapellenberg wurden 604 Stein- und über 17.000 Keramikfunde ausgegraben. Darunter Vasen und Trinkgefäße. Außerhalb der Wallanlage wurde nichts gefunden. Auch jetzt wurden wieder Keramiksrücke gefunden. Die Archäologen zeigten auch zwei Repliken von Werkzeugen, die nach Funden hier gefertigt wurden.

Grabungen und Nachforschungen


Die aktuellen Ausgrabungsstätten liegen rund 1,5 Kilometer hinter dem Meisterturm. Sie sind jetzt aus Sicherheitserwägungen wieder zugeschüttet worden. Ein Hinweis am Weg führt aber noch an sie heran. Damit sind die Grabungen hinsichtlich „Michelsberger Kultur" auf dem Kapellenberg noch nicht abgeschlossen.

Die Dritte und damit vorläufig die letzte Grabung wurde Mitte August beendet. Die aktuelle Untersuchungsstelle mit Aufschnitt- oder auch Grabungsprofil ist auf den Aufbau des westlichen Flankenwalls gerichtet. Er ist vermutlich über einer Brandschicht aufgeschüttet worden. Prof. Gronenborn erläuterte, dass die Wälle zumeist erst wenig aufgeschüttet waren, dann aber je nach Absicht aufgeschüttet wurden. Zunächst sei vieles flacher und schmaler gewesen. Erkennbar werden Schüttungsphasen, deren zeitliche Abstände zueinander noch unklar sind. Erneut gab es neben den Fundstücken von Keramik auch wieder Holzkohle. An ihr können im Labor genauere Datierungen festgemacht werden.

Viele offene Fragen für die Archäologie - Ein faszinierendes jungsteinzeitliches Bodendenkmal


Eins wird deutlich: „Ein komplexes System von aufeinander folgenden Befestigungen" wird hier oben auf dem Kapellenberg erkennbar. Einige können für Fachleute mit den Augen erfasst werden, mehrere sind „ausgezeichnet" erhalten, andere kaum noch sichtbar. Die Grabungen haben zu Erkenntnissen, aber auch zu dauerhaften Fragen geführt, auf die auch die Archäologie bisher keine endgültigen Antworten gefunden hat: Woher kam das Erdreich für diese Wallanlage? Wie wurde es hochgeschafft? Wie viele Menschen wohnten hier zu welchem Zweck und in welcher Absicht? Derzeit schätzt man auf etwa 7.000 auf rund 60 Hektar, Hunderte von Häuser, Menschen, die hier vielleicht zu Notzeiten und aus Schutz heraufgezogen sein könnten. Die vorhandene Quelle konnte sie vielleicht nicht gänzlich mit Wasser versorgen. Woher nahmen sie das weitere? Für große Tierhaltung oben hat das Wasser ebenfalls nicht gereicht. Für was also war diese Anlage geschaffen? Diese Fragen bleiben offen. Es gibt Vermutungen und Spekulationen als Antworten. Aber sie halten streng wissenschaftlichen Begründungen nicht stand. Die Archäologen: „Wir haben viel gefunden, aber wir wissen bisher zu wenig, um wichtige Fragen um diese Wallanlage eindeutig beantworten zu können."

Das steht fest: „Der Kapellenberg ist eines der faszinierendsten jungsteinzeitlichen Bodendenkmäler in Rhein-Main und über dieses Gebiet hinaus auch für Europa, „ stellt Prof. Gronenborn fest.

Prof. Dr. Angela Kreuz weist auf Bodenproben von elf Fundstellen in Hessen hin. Aber das Landwirtschaftssystem der Michelsberger ist noch immer rätselhaft. Man kann auf Getreidearten schließen, seltener auf Hülsenfrüchte. Öle und Faserpflanzen fehlen. Aber „gesammeltes Wildobst" hat es gegeben.

Alle hier im Raum sind am kulturellen Erbe ihrer Umgebung sehr stark interessiert und verfolgen alle Bemühungen um Aufklärung um dieses Erbe. Die Teilnahme von Stadt und Bürgerschaft ist eine Bestätigung, dass Archäologie keine Museumswissenschaft ist, sondern Heraufbeförderung von Zeitabschnitten und Zeugnissen der Menschheit, die auch die Nachkommen interessiert. Das Interesse an den Grabungen, ihr Fortgang mit vielleicht städtischer Förderung vielleicht auch 2014, ist eine Bestätigung dafür, auch mit Vorgeschichte weit vor unserer Zeitrechnung auf lebendiges Interesse von Wissenschaft und Bürgertum zu stoßen.

Vielleicht wird bei einer der kommenden Grabungen die eigentliche Siedlungsfläche gefunden


Dies könnte geschehen, wenn bei einer vierten Grabung in den kommenden Jahren, wenn anhand der bisherigen Grabungen und beginnenden Analysen von 3D-Geländemodellen sich ein komplexes System von aufeinander folgenden Befestigungen abzeichnet, von denen einige heute kaum noch sichtbar, andere aber wiederum ausgezeichnet erhalten sind. So hatte die Erosion im Bereich der jetzigen Grabung über die Jahrtausende wenig Angriffsfläche gefunden, so dass der Wall dort noch ausgezeichnet erhalten ist. Kaum sichtbar ist jedoch ein innerer Wall, der die eigentliche Siedlungsfläche umschließt. Dennoch soll dieser und zusätzliche Bereiche der Innenfläche in den nächsten Jahren untersucht werden.

Für die voraussichtlichen Grabungen im kommenden Jahr  hat der Magistrat  im Haushalt für 2013 eine Summe von 5.000 Euro zur Mitfinanzierung eingestellt, die allerdings noch von der Stadtverordnetenversammlung verabschiedet werden müssen.

Der Kapellenberg wird also auch in Zukunft für die Archäologen und für die Kreisstadt Hofheim interessant bleiben.