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Lutherkirche Wiesbaden feiert ihren 100. Geburtstag

Zur Geschichte des Jugendstil-Juwel am Mosbacher Berg            von Britta Steiner-Rinneberg

15.02.11 || altaltWIESBADEN (15. Februar 2011) - "Ein feste Burg ist unser Gott" steht über dem Eingangsportal der Wiesbadener Lutherkirche, die im Januar 2011 ihren 100. Geburtstag feiern konnte: Ein Festtag nicht nur für die große Kirchengemeinde, sondern die ganze Stadt, die auf ihr Jugendstil-Juwel am Mosbacher Berg stolz ist, das Jubiläum intensiv begleitete und das 1.300 Personen fassende Gotteshaus beim anspruchsvollen Festkonzert am 5. Februar restlos füllte.

Die im Januar 1911 geweihte Lutherkirche, für die bereits 1908 der Grundstein gelegt wurde, ist - nächst der die Innenstadt beherrschenden Markt- und Hauptkirche Wiesbadens - nach Berg- und Ringkirche das dritte der um die Jahrhundertwende entstandenen neuen Gotteshäuser, die sich architektonisch wie in der inneren Gestaltung vom Historismus entfernten und der „neuen Zeit" Rechnung trugen. Das gilt in besonderem Maß für die von Prof. Friedrich Pützer erbaute Lutherkirche, Der Darmstädter Architekt, der seine engen Beziehungen zur Mathildenhöhe nutzte, beschäftige für die opulente farbige Innengestaltung der Kirche eine ganze Reihe hoch begabter Jugendstilkünstler aus dem Frankfurter und Darmstädter Raum. Eine reizvolle Aufgabe, der sie mit ebensoviel Freude, Farb- und Formgefühl wie Fantasie, Könnerschaft und Einfühlungsvermögen aufs Schönste gerecht wurden.

altDas Wiesbadener Programm


Die Idee zum Neubau, der sich wegen der stark angewachsenen Bevölkerung und Ausdehnung der Stadt in südöstlicher Richtung als dringend erforderlich erwies und die nur wenige Jahre ältere Ringkirche bereits nicht mehr ausreichte, stammt von dem damaligen Dekan und Bergkirchenpfarrer Dr. Emil Veesenmeyer, der sich um die Weiterentwicklung der protestantischen deutschen Gotteshäuser zu Predigtkirchen große Verdienste erwarb. Das von ihm erstellte und im In-wie Ausland mit großem Interesse verfolgte "Wiesbadener Programm" führte bis zum Beginn des ersten Weltkrieges im deutschsprachigen Raum zum Bau 24 weiterer moderner Kirchen. Die alte theologische Idee der Gleichheit von Sakrament, Predigt und Musik, die in der gestaffelten Anordnung von Altar, Kanzel (Katheder) und Orgel manifestiert ist, kommt gerade in der Lutherkirche ebenso wirkungsvoll wie überzeugend zum Ausdruck.

altEine „Untat" der 50er Jahre


Dass die Kirche beim Bombenangriff im Februar 1945, also zwei Monate vor Kriegsschluss, nicht wie zahllose andere Baulichkeiten der Stadt zerstört wurde, ist ein besonderer Glücksfall! . Doch die Menschen der Nachkriegszeit hatten angesichts der Zerstörung, Armut, Hunger, innerer und äußerer Not keinen rechten Sinn mehr für die reiche Ornamentik der bereits um 1918 zuende gegangenen Jugendstilepoche. Im Rückblick auf das Kriegsgeschehen und seine Nachwirkungen und den notwendigen Wiederaufbau wurde sie von vielen als zu „verspielt", zu „heimelig" und zu „schön", kurz , als nicht mehr zeitgemäß empfunden und abgelehnt. Das führte bei den Instandsetzungsarbeiten Mitte der 5oer Jahre zu einer hässlichen, hellen Übertünchung von Decken, Wänden, Nischen und Fensterleibungen. Eine „Untat", die später tief bedauert wurde und vor allem in der Gemeinde selbst den Wunsch nach Wiederherstellung des alten Bildes aufkommen ließ.

Restaurierung Ende 1980


Doch die Restaurierung ließ nicht zuletzt aus finanziellen Gründen auf sich warten und konnte dank tatkräftiger Unterstützung Professor Werner Kiesows - des damaligen Landseskonservators -. erst Ende 1980 in Angriff genommen, dann aber zügig voran getrieben und nach fünfjähriger, sorgsamer Arbeit erfolgreich beendet werden. Seit 1952 darf sich die Lutherkirche, die sich nicht nur hervorragender Akustik erfreut, sondern überdies Besitzerin zweier kostbarer Orgeln ist, mit Fug und Recht als eine der ganz wenigen Jugendstilkirchen in Deutschland betrachten, deren Originalzustand aufgrund der erhaltenen Bauunterlagen fast vollständig wieder hergestellt werden konnte! Für die in Ludwigsburg gebaute, gleichfalls 1oo Jahre alte und unter Denkmalsschutz stehende „romantische" Walcker-Orgel, die in der Klais-Orgel 1978 eine jüngere Schwester bekam, stehen in diesem Jahr größere Arbeiten an: Grundreinigung, Reparatur der Pfeifen und Technik und die notwendige Anschaffung eines neuen Spieltisches, der nach den Original Plänen von 1911 gebaut werden soll. Kostenpunkt zirka 130000 Euro. Die Gemeinde hofft auf Zuschüsse und Spenden!

Über die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag der Lutherkirche Wiesbaden berichten in einem weiteren Beitrag unter dem Titel „100 Jahre Lutherkirche Wiesbaden zweiter Teil - Der Festakt"

Die Bilder von oben nach unten zeigen:Gesamtansicht Kirche vom Prospekt zum 100. Geburtstag der Lutherkirche; Pfarrer Dr. Emil Veesenmeyer; der Innenraum der Kirche und ein Ausschnitt vom Deckengewölbe; das Taufbecken. Fotos: Prospekt der Lutherkirche / Britta Steiner-Rinneberg

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