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Wissen Sie noch was „Fringsen“ ist?

Erinnerung an das „Stoppeln" im Hungerwinter 1946/47 und wie es durch eine Predigt des Kardinals* zum Synonym für Mundraub zum Überleben wurde           von Ingeborg Fischer

24.12.17 || altEs war kurz vor Weihnachten im Hungerwinter 1946/47 nach dem 2.Weltkrieg, einer der kältesten Winter in Deutschland seit Jahrzehnten. Und es fehlte an Wohnungen, weil viele Menschen ausgebombt waren, an Brennmaterial und vor allem an Nahrungsmitteln. Meine Mutter wusste nicht, wie sie uns zwei Kinder - meinen Bruder und mich - über diesen Winter bringen sollte. Wir wohnten mitten in der Stadt und mit meiner Großmutter ging sie nachts oft zum „Kokslesen" auf den Bahndamm, um dann wenigstens ein wenig einheizen zu können. An einem ganz besonders kalten Winterabend hat meine Oma Julchen ein dickes Feder-Kissen auf den Gepäckträger ihres alten Fahrrades gepackt, ihre große Handtasche an den Lenker gehängt, mich - ich war 4 ½ Jahr alt - kurzerhand auf das Kissen gesetzt und ist zu irgendwelchen Feldern in Oberrad gefahren.

altLinks im Bild ein Rosenkohlstrunk. Foto: Ralph Delhees

Rechts im Bild die handschriftliche Predigt aus der Silvesternacht 1946/47. Foto: © Historisches Archiv des Erzbistums Köln

Da standen in Reihen Rosenkohlstrünke erstarrt in der eisigen Kälte. Es dämmerte schon, und ein Eiseshauch lag über der Landschaft. Kein Mensch war zu sehen. Oma Julchen hat dann - ich erinnere mich wirklich sehr genau daran - ein kleines Beilchen aus der Tasche genommen und -ratz fatz- sechs oder sieben Rosenkohlstrünke abgehackt und in ihrer großen Tasche verschwinden lassen. Dann hat sie mich schnell wieder auf den Gepäckträger gesetzt und ist - haste net gesehe - so schnell sie konnte mit mir auf dem Fahrrad zur Mama zurück gefahren. Wahrscheinlich hat sie mich mitgenommen, um Mitleid zu erregen, falls sie erwischt worden wäre.

Abends gab es Rosenkohl-Gemüse. Ich habe nie etwas Besseres gegessen. Und noch heute ist Rosenkohl eine meiner Leibspeisen.

Der Kölner Kardinal Frings hielt in diesem Hungerwinter in Köln zu Silvester eine Predigt und sagte zum siebten Gebot „Du sollst nicht stehlen": Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder durch Bitten, nicht erlangen kann". Damals wurde ein neues Wort geboren, das seinen Namen unsterblich machte: „fringsen", also stehlen aus blanker Not.

Wer war Kardinal Frings - eine Kurzbiografie von Ralph Delhees

altKardinal Josef Frings wurde Sohn eines Fabrikanten in Neus geboren. Nach Abitur, Studium, Promotion, mehreren Pfarrstellen und einer Tätigkeit im erzbischöflichen Priesterseminars in Bensberg wurde er am 1. Mai 1942 überraschend zum Erzbischofs von Köln berufen., Am 18. Februar 1946 wurde er vom damaligen Papst Pius XII. in das Kardinalskollegium aufgenommen. Im Februar 1969 legte er aus Altersgründen das Bischofsamt ab, er starb am 17. Dezember 1967.

Frings war teilweise ein sehr unbequemer Erzbischof, mit den Nazis hatte er es nicht und mit der britischen Besatzungsmacht focht er auch so manchen Streit aus. Hierzu gehörte auch seine Predigt in der Silvesternacht 1946/47, die ihn weit über die damaligen Besatzungszonen bekannt machten. Er ist u.a. Initiator und Mitbegründer (1958) des Hilfswerks Misereor und das Hilfswerk Adveniat geht (1961) auf seine öffentliche Anregung zurück.

Das Bild zeigt Kardinal Josef Frings. Foto: © Bistum Köln

Noch heute gehört das Verb „fringsen" - Mundraub - im Bistum Köln zum Wortschatz, besonders wenn Kinder ohne zu fragen zuhause in die Bonbon- oder Schokoladenbox greifen.

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