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Kunst & KulturMusik › Schiersteiner Kantorei ersang sich unter Martin Lutz einen Namen, der im In-wie Ausland bekannt und gefragt ist

Schiersteiner Kantorei ersang sich unter Martin Lutz einen Namen, der im In-wie Ausland bekannt und gefragt ist

50 Jahre „Schiersteiner Kantorei" - Aus dem Wiesbadens Kulturkalender längst nicht mehr wegzudenken - Vorschau auf die Jubiläumskonzerte               von Britta Steiner-Rinneberg

08.02.12 || altWIESBADEN-SCHIERSTEIN (07. Februar 2012) - Vor genau 50 Jahren gegründet, feiert die zu den größten und bekanntesten Laienchören der Region zählende Schiersteiner Kantorei einen Jubiläumsgeburtstag, den sie mit einer Fülle großer und kleineren Veranstaltungen, zu denen befreundete Künstlerpersönlichkeiten aus ganz Europa und den USA anreisen, besonders festlich begehen will. Die 1990 mit dem Kulturpreis der Landeshauptstadt ausgezeichnete Sängergemeinschaft, die auf fünf erfolgreiche Jahrzehnte zurückblicken kann und aus dem Wiesbadens Kulturkalender längst nicht mehr wegzudenken ist, ersang sich unter Kantor und Musikwissenschaftler Martin Lutz, ihrem innovativen künstlerischen Leiter, inzwischen einen Namen, der im In-wie Ausland bekannt und gefragt ist.

altDie Mitglieder der Kantorei stellten sich zur Zahl "50" auf. Den Punkt stellt Kantor und Musikwissenschaftler Martin Lutz dar.

Im Herbst 1962 von Kantor Johannes Martin Krüger mit 50 sangesfreudigen Männern und Frauen aus Schierstein und Umgebung ins Leben gerufen, nahm die „Schiersteiner Kantorei", wie sie sich stolz nannte, im Verlauf eines halben Jahrhunderts nicht nur quantitativ, sondern vor allem qualitativ einen Aufschwung, wie er nicht jeder ambitionierten Chorgemeinschaft beschieden ist! Ihr erstes „richtiges" Konzert fand in der geschichtsträchtigen Christophoruskirche statt, die gerade erst von ihrem hässlichen weißen Verputz befreit worden war und nun wieder in zauberhaftem barockem Glanz erstrahlte: Eine längst überfällige Totalrenovierung, auf die Pfarrer Adam, der kunst- und musikliebende damalige Seelsorger der Gemeinde, besonders stolz war und sich wünschte, dass in diesem barocken Kleinod eines Tages auch barocke Musik ihre adäquate Heimstatt finden würde.

altDer Chor in der Schiersteiner Christophoruskirche.

Seine Anregung fiel auf fruchtbaren Boden und erweckte in der Gemeinde sofort starkes Interesse: Zur Adventszeit 1962 erklang mit Bachs Weihnachtsoratorium unter Kantor Krügers Leitung im „neuen" Gotteshaus das erste große Konzert, dem im Verlauf der Jahre viele weitere folgen sollten. Unter Krüger nahmen auch die beliebten „Schiersteiner Vespermusiken" ihren Anfang, die beibehalten wurden und inzwischen eine stattliche Zahl erreichten. Am 24.November findet die 425.statt.

Kantor Martin Lutz übernimmt die Chorleitung


Als die Stelle nach Kantor Krügers Weggang vakant wurde und 1971 neu besetzt werden musste, war unter den zahlreichen Interessenten auch der gerade vor seinem Hochschulabschluss stehende Heidelberger Studiosus Martin Lutz, der die Ausschreibung am Schwarzen Brett der Uni las, seinen ganzen Mut zusammenraffte und sich kühn bewarb. Das „Wunder" geschah: Der gerade 22jährige und damit jüngste Bewerber kam in die engere Wahl, gewann trotz seiner Jugend das Rennen um den begehrten Posten, schlug freudig ein und begann sogleich, sich intensiv auf die neue Arbeit vorzubereiten. Bereits ein Jahr später startete er in der „Gründungskirche sein mit begeistertem Beifall gefeiertes erstes Konzert: Händels Oratorium „Das Alexanderfest", für dessen Einstudierung der barocke Kirchenraum damals geradezu ideal erschien, heute freilich nicht entfernt mehr ausreichen könnte!

Lutz, der die Kantorei 1972 mit etwa 50 Sänger und Sängerinnen antrat, hatte bereits recht genaue Vorstellungen von dem, was er mit ihr zu machen gedachte und begann zielstrebig mit ihrer kontinuierlichen Aufstockung. Seine Ansprüche waren nicht eben gering und die ins Auge gefassten Werke für einen reinen Laienchor schon sehr hoch. Doch das Interesse war geweckt und die Nachfrage groß, trotz der angekündigten vielen und langen Proben, die die Freizeit der Berufstätigen schon erheblich einschränkten. Unter den Sängern, von denen einige schon bald begannen, zusätzlichen Gesangsunterricht zu nehmen, befanden sich auch einige selbst Musik ausübende Akademiker, die an Lutz` Auswahl der Komponisten und ihrer die Musikkultur der Entstehungszeit widerspiegelnden , anspruchsvollen Werke, sowie der geistigen Durchdringung und präzisen Erarbeitung der Stoffe besonderen Gefallen fanden. Sie warben für die Kantorei und motivierten andere, es ihnen gleich zu tun. Eine Praxis, die sich sonst allenfalls in Universitätsstädten wie Heidelberg oder Mainz beobachten lässt.

Heute umfasst die Schiersteiner Kantorei (SK) 120 Mitglieder. Unter den 5o Männerstimmen befinden sich allein 19 Tenöre, die an anderen Chören meist „Mangelware" sind und irgendwie ergänzt werden müssen, was sehr schwierig ist. Als Aufführungsplätze stehen neben der Wiesbadener Marktkirche, Basilika und Dormitorium von Kloster Eberbach und der Christophoruskirche bei Bedarf auch der prächtige Friedrich-August-Saal im Casino und der Roncallisaal zur Verfügung: Auf sie wird speziell bei den alle zwei Jahre im Wechsel stattfindenden „ Wiesbadener Bachwochen" und dem „ Musikherbst Wiesbaden" zurück gegriffen, die Martin Lutz initiierte.

Kantoreien und die Hochschule für Musik Frankfurt kooperieren


Das Jubiläum festlich zu begehen, werden Kantorei, Bach-Ensemble und zahlreiche Künstler, die als langjährige Gäste aus Europa wie Übersee anreisen, das große Publikum mit zentralen Werken des Barock und der Romantik verwöhnen und ihm genussvolle Stunden bereiten. Doch nicht nur die aufwändigen großen Abende locken die Musikfreunde auf den Plan, sondern auch kammermusikalische Darbietungen wie die Bach-Vespern, die dies Jahr in der Schiersteiner - wie in der Marktkirche zu hören sind: Die neue Rehe, die unter Leitung von Martin Lutz und Michael Graf Münster steht, ist eine Kooperation zwischen den Kantoreien von Schierstein, St. Katharinen Frankfurt und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, deren Professoren und Studierende die Vokalpartien gestalten. Der instrumentale Teil wird vom Bach-Collegium Frankfurt-Wiesbaden bestritten, das sich aus führenden Mitgliedern der Orchester des Rhein-Main-Gebietes zusammensetzt. Die nächste Vesper dieser Reihe ist am 8.Februar in der Christophoruskirche zu hören; der Abschluss findet am 11.November mit einem Festgottesdienst in der Marktkirche statt. (Beginn jeweils um 17.00).

„Musik am Hof Friedrichs des Großen" war bereits das Thema des Konzerts am 28,Januar, gespielt von Hans Joachim Berg (Barockflöte) und Miklos Barny ( Cembalo), die in der Christophoruskirche Sonaten von J.S. Bach und Sohn Carl Philipp Emanuel zu Gehör bringen.

Am 25.Februar wird das Buchberger - Quartett am gleichen Ort „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuz" von Joseph Haydn in der Fassung für Streichinstrumente aufführen.

Bachs „Matthäus-Passion" und „Die Sieben Worte Jesu am Kreuz" von Schütz


altDie Sopranistin Trine W. Lund ist am 31. März zu erleben..

Am 31. März erklingt Bachs monumentales Meisterwerk "Die Matthäus-Passion" in der Marktkirche. Mitwirkende im Passionsdrama sind neben der Kantorei, dem Wiesbadener Knabenchor und dem Barockorchester La Corona Freiburg hervorragende Solisten wie die Sopranistin Trine Wilsberg Lund, der Altus Valer Barna-Sabadus, Tenor Donat Havar und die Bassisten Hans Christoph Begemann (Christus) und Tyler Duncan. (Beginn 19.00!). - Für den Karfreitag sind zwei Veranstaltungen vorgesehen, die um 15 Uhr in der Christophoruskirche und um 17 Uhr in der Marktkirche stattfinden. An der Interpretation dieses in den letzten Jahren des 3ojährigen Kriegs entstandenen Kleinods der oratorischen Literatur, Heinrich Schütz` „Sieben Worten Jesu am Kreuz", sind außer der Kantorei und einem auf Barockinstrumenten spielenden Instrumental-Ensemble der Tenor Jud Perry als Evangelist und der Bassist Hans Georg Schulte in der Christus-Partie beteiligt.

Musik der „Mannheimer Schule", Brahms` „Schicksalslied" und Bruckners „Dritte"


Am 18.April können die Freunde wunderbarer, aber halb vergessener alter Musik sich vom „ Mannheimer Hofquartett" überraschen lassen, das im Rahmen der Vespermusik Werke von Johann und Carl Stamitz, Fr. Richter, Chr. Cannabich und F. Holzbauer im Originalklang aufführen wird: Repräsentanten der berühmten „Mannheimer Schule", die zum Musikerkreis der Hofkapelle Kurfürst Carl Theodors gehörten. Als Solisten sind Hans-Joachim Berg und Susanne Zippe (Violine), die Bratschistin Ulrike Kruttschnitt und der Cellist Gregor Herrmann zu hören.

altDas Manheimer Hofquarttet. Fotos (4): Archiv Schiersteiner Kantorei

Barockcello und Cembalo werden auch am 26.Mai erklingen, wenn die Cellistin Kristin von der Goltz, eine der führenden Vertreterinnen ihres Fachs und Andreas Küppers mit Sonaten von Vivaldi, G.M. Jacchini und anderen Barockmeistern in die Schiersteiner Kirche einladen.

Der Pfingstmontag (28.Mai) ist Brahms und Bruckner gewidmet: Zwei Komponisten, die sich in den letzten Jahrzehnten erfahrungsgemäß als geradezu ideal für die problematische Akustik der Eberbacher Basilika erwiesen. Kantorei und das aus Mitgliedern des Hessischen Staatsorchesters bestehende Wiesbadener Symphonieorchester werden Brahms` „Schicksalslied" und „Nänie" (beide für Chor und Orchester) aufführen und im zweiten Teil Bruckners dritte Sinfonie d- Moll für großes Orchester, die in seiner 1878 geschaffenen, zweiten Fassung erklingen wird. (Beginn 18.00)

Für den 30.Juni lädt das Trio Fortepiano zu Postkutschenreisen mit Haydn, Gyrowetz und Beethoven ein, auf denen Julia Huber, Anja Enderle und Miriam Altmann dem Entstehen einiger Kompositionen nachspüren, die auf diesen Reisen entstanden.

Am 25.August ist das sich aus Mitgliedern des Fankfurter Opern -und Museumsorchesters zusammen setzende Schaljapin-Quartett in Schierstein zu Gast. Dimiter Ivanov und Freya Ritts-Kirby (Violinen), die Bratschistin Susanna Hefele und der Cellist Philipp Bospach laden Freunde der Kammermusik zu Beethovens Quartett D-Dur und Dvoraks Es-Dur-Quartett ein. Dann ist erstmal Pause.

Festlicher Abschluss: Händels „Saul" und Mendelssohns „Lobgesang"


altGeorg Friedrich Händel auf einem Gemälde von Thomas Hudson (1749). Foto: Wikipedia

Am 16.September wird das Festprogramm in Kloster Eberbach seine Fortsetzung finden, wo Händels Oratorium „Saul", zur Aufführung kommt: Die hochdramatische Geschichte um den biblischen König und den jungen David, der mit seinem Harfenspiel die Depressionen Sauls lindert, bildet den Höhe- und Schwerpunkt in der zweiten und kürzeren Hälfte der Jubiläumsveranstaltungen. Außer der Schiersteiner Kantorei und dem Barockorchester La Corona Freiburg werden unter Martin Lutz`Leitung in der Basilika prominente Solisten wie die Sopranistinnen Trine Wilsberg Lund und Dorothee Mields zu erleben sein, die Countertenöre Andreas Scholl und Dimitri Egorov, der Tenor Andreas Karasiak und in der Partie des Saul der Bariton Christian Immler.

Eine Woche später ( am 29.Sepember), wird der Gitarrist Tilman Steitz mit Werken von Bach, Fernando Sor, Julio Sagreras, Augustin Barrios und Sergio Assad in das barocke Deutschland, romantische Argentinien und klassische Spanien führen und den Zuhörern beweisen, wie viel Freude gerade sehr ernste Musik bereiten kann. - Am 27.Oktober gibt es im Rahmen der Vespermusik in Schierstein ein Konzert für Laute und Gambe, gespielt von Lutz und Martina Kirchhoff, die mit Barocklaute, Pardessus de Viole und Viola da Gamba Concerti von Telemann, Ferdinand I. Hinterleithner und Adam Falkenhagen zu Gehör bringen.

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Felix Mendelssohn-Bartholdy auf einem Gemälde von Eduard Magnus (1846). Foto: Wikipedia

Mit „ Lobgesang", Felix Mendelssohn-Bartholdys im Auftrag des Rats der Stadt Leipzig 1839/ 40 zu den Feiern anlässlich des 400. Jahrestages der Erfindung des Buchdrucks entstandener Sinfonie-Kantate für Soli, Chor und Orchester, laden die Schiersteiner Kantorei und Bach-Ensemble Wiesbaden am 17.November noch einmal in die Marktkirche ein und setzen mit dieser vorletzten der fünf Sinfonien des Komponisten den eindruckvollen Schlusspunkt unter die Jubiläums- Festlichkeiten.

Die Eintrittspreise bewegen sich zwischen 8 und 40 Euro. - Vorverkauf über Musikhaus Petroll (06 11 - 37 09 70), Tickets für Rhein-Main ( 06 11 - 30 48 08) oder Tourist Information( 06 11 - 31 729 - 930). - Zeitige Kartenbestellung ist zu empfehlen!