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„Kunst“: Ein Stück weiße Leinwand, das Grundfesten ins Wanken bringt

Das Heidelberger Theater reißt mit Yasmina Rezas „Kunst" das Publikum von den Stühlen                von Britta Steiner-Rinneberg

19.01.12 || altHEIDELBERG (18. Januar 2012) - Sind die viel gerühmten, unverbrüchlichen Männerfreundschaften wirklich fundiert und krisenfest genug, um unvorhergesehene, irritierende Ereignisse ohne Trübung, schad- und klaglos überstehen zu können? Im Fall von Serge, dem Dermatologen und Fan für moderne Malerei, dem fest auf dem Boden der Tatsachen haftenden Kunstbanausen Marc und dem kurz vor seiner Hochzeit stehenden Nervenbündel Yvan kommt es angesichts der harten Debatten um ein „ scheißteures", fragwürdiges Wunderding aus der frühen Schaffensperiode des berühmten Antrios zu längst fälligen Auseinadersetzungen.

altDas Szenenfoto zeigt v.l.n.r. Marc/Olaf Weissenberg, Ivan/Steffen Gangloff und Serge/Stefan Reck. Foto Theater Heidelberg/Uwe Lewandowski

Yasmina Rezas Dreipersonenstück „Kunst" bringt die Wahrheit, die möglicherweise zum Bruch führt, an den Tag. Stein des Anstoßes ist ein „Gemälde": Ein Stück makellose weiße, leere Leinwand, auf der es absolut nichts zu sehen gibt. Serge, der exzentrische Sammler und angebliche Experte, hat es gerade für bescheidene 250.000 Euro erworben. Die Freunde reagieren zunächst mit Verlegenheit, dann mit Empörung und gehen schließlich auf die Barrikaden. Und alles zusammen bereitet dem Publikum höllisches Vergnügen!

Das dritte Werk der bereits mit dem Prix Moliere ausgezeichneten Schauspielerin und Schriftstellerin machte sie fast über Nacht weltweit berühmt und inzwischen zur meistgespielten Autorin der Gegenwart. Auch die nachfolgenden Stücke „Dreimal Leben", „Ein spanisches Stück" und „Der Gott des Gemetzels", die im Vorjahr von Polanski verfilmte und mit dem Tony Award dekorierte, tolle Zimmertragödie der sich durch ihre scharfe Beobachtungsgabe auszeichnenden Französin, lassen die Zuhörer den glänzenden Redegefechten der Protagonisten unschwer drei kurzweilige Stunden lang begeistert folgen.

Mit dem Drama „Kunst", das Mitte der 90erJahre in der Schaubühne Berlin seine deutschsprachige Erstaufführung erlebte und jetzt im „ Theaterkino" neu herauskam, haben die Heidelberger schon einmal Bekanntschaft gemacht: Vor gut zehn Jahren stand es als Zweitaufführung in Ute Richters Einstudierung auf der Bühne des Zimmertheaters und entzückte die Zuschauer. Diese erste Regiearbeit Arbeit Tobias Goritzkis, der für den erkrankten Jürgen Bosse einsprang, wurde auch diesmal ein voller Erfolg! Goritzki, Bühnen -und Kostümbildnerin Erika Landertinger, die für den Dreiakter nichts als ein dreisitziges rotes Sofa, ein paar Flaschen, Gläser und ein Gestell für das „Jahrhundertwerk" benötigte und das glänzende Darsteller-Trio ernteten nach der Premiere stürmischer Beifall, der kaum enden wollte!

Kein Wunder: Die drei Vollblutschauspieler erweisen sich als glänzende Komödianten, die deren wechselnde Gemütsbewegungen wie Hochstimmung und Depression, Aggression und Ratlosigkeit, Furiosität und physische Ermattung perfekt zum Ausdruck bringen und nicht eine Minute an Intensität nachlassen. Wie es allerdings einen Tag später bei ihnen aussehen wird, überlässt Yasmina Reza gern dem Publikum und seiner Fantasie...

Stefan Reck, der von der Fernsehserie „Liebling Kreuzberg" her vielen bekannt ist und im Vorjahr für die Darstellung des Landvogts Gessler in Schillers „Wilhelm Tell" mit dem Bad Hersfelder Festspielpreis ausgezeichnet wurde, gibt dem ganz in der Welt der (modernen) Kunst lebenden und sich entsprechend gerierenden Serge überzeugendes Profil: Als reichlich exaltierter „Kenner", Sammler und stolzer Besitzer sucht er wort- und gestenreich den Freunden die versteckte Schönheit seiner wie das goldene Kalb umtanzten „schweineteuren" Trophäe nahezubringen, die er aus Ehrfurcht nur mit weißen Handschuhen zu berühren wagt.

Zuviel für den verunsicherten Realisten Marc, der „nichts als weiße Leinwand" sieht. sich vergeblich bemüht, irgendetwas zu erkennen und verzweifelt an seinen Hosenträgern zerrt. Er sieht das kostbare Nichts als reinen Blödsinn und ein „Stück Scheiße" an und erklärt den Freund für verrückt. Ein Naturbursche eben, der mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht und einfach nicht fasst, wie man sich vom Kunsthandel so leimen lassen kann und im Gefühl „Einmaliges" ergattert zu haben, stolzgeschwellt eine leere Leinwand nach Hause trägt. Olaf Weißenberg, der viele Jahre am Staatstheater Darmstadt und anschließend in Osnabrück engagiert war, gibt dem Bodenständigen, der sich kein X für ein U vormachen lassen will, überzeugende Statur: Ein rechter Banause, mit dem auf gleicher Augenhöhe zu argumentieren aus Serges Sicht unter der Würde ist.

Yvan, der psychisch überstrapazierte dritte Mann. der mit der leeren Leinwand auch nichts rechtes anfangen kann und dem hektischen Tamtam um das Kunstwerk ebenso ratlos gegenüber steht, hat gerade genug eigene Probleme, die ihm zu schaffen machen: Nicht nur ein zickiges Plappermaul von Freundin, sondern auch zwei in alles dreinschwatzende Mütter zerren täglich an seinen ohnehin schwachen Nerven und treiben den Armen kurz vor der Heirat halb in den Wahnsinn. Steffen Gangloff, der in Osnabrück als Mephisto in Faust 1 und 2 und als Andri in Max Frischs „Andorra" glänzte, beschert dem Publikum in seiner herrlichen Soloszene als Durchgedrehter ein schauspielerisches Kabinettstück, das spontan zurecht mit dröhnendem Beifall gefeiert wird!

Wer drei solche Komödianten zur Verfügung hat, die nicht nur in scharfen Rededuellen, sondern auch mal handgreiflich auf einander losgehen, um danach, wenn (fast) alles gesagt ist, erschöpft aufs rote Sofa zu sinken und theatralischen Burgfrieden zu schließen, dem braucht um den Erfolg des Abends nicht bang zu sein! Nichts wie hin!

Die nächsten Aufführungen von „Kunst" finden am 20.und 21. Januar, 05. 09. und 10. Februar statt. Kartentelefon 0 62 21 - 58 20 000.

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