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Kunst & KulturBühne › „Jud Süss“: Joseph Oppenheimers glänzender Aufstieg, tiefer Fall und schmähliches Ende

„Jud Süss“: Joseph Oppenheimers glänzender Aufstieg, tiefer Fall und schmähliches Ende

Paul Korngold's Tragödie als Austauschgastspiel des Theaters Darmstadt jetzt im Staatstheater Wiesbaden                von Britta Steiner-Rinneberg

11.01.12 || altWIESBADEN ( 11. Januar 2012) - Ein Mann wird unter dem Gejohle einer aufgebrachten, schaulustigen Menge vor den Toren der Stadt gehenkt und sein Leichnam noch sechs Jahre in einem eisernen Käfig öffentlich zur Schau gestellt. Er war Finanzberater, Reformer, Günstling und Freund des Herzogs von Württemberg, der mit Klugheit und sicherem Instinkt für Geldgeschäfte den bankrotten Staatshaushalt sanierte. Und er war Jude.

Das von Wilhelm Hauff 1827 als Novelle verarbeitete historische Schauerdrama um den aus Heidelberg gebürtigen Handelsmann Josef Süss Oppenheimer und sein spektakuläres Ende 1738 machte 100 Jahre später Lion Feuchtwanger zum Inhalt seines großen Schicksalsromans „Jud Süss", der längst zur Weltliteratur zählt. Der Dramatiker Paul Kornfeld nutzte ihn als Vorlage für seine gleichnamige Tragödie, die Ende der Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts entstand. Sie wurde in der Inszenierung Leopold Jessners und mit Ernst Deutsch in der Titelpartie 1930 in Berlin uraufgeführt: Ein großer Publikumserfolg, der nach Hitlers Machtübernahme 1933 von Goebbels verboten wurde. Wenige Jahre später machte der Naziregisseur Veit Harlan aus dem Romanstoff den zu fragwürdiger Berühmtheit gelangten, von Perfidität und Widerwärtigkeiten strotzenden Hetz- und Propagandafilm „Jud Süss" der bis heute empört und die Gemüter bewegt, sobald der Name erklingt.

altUnser Szenenbild zeigt Oppenheimer (A. Manz), Minister Remchingen (U. Zerwer) und der Herzog (M. Kleinert) im Disput. Foto: Staatstheater Wiesbaden/ Barbara Aumüller

Jetzt steht die nicht ohne Grund in der letzten Spielzeit in Darmstadt heraus gekommene Tragödie um den glänzenden Aufstieg, tiefen Fall und das schmähliche Ende des sich auf gefährlichem Terrain bewegenden herzoglichen Schatzverwalters und Financiers in Herrmann Scheins Regie und im Bühnenbild Stefan Heynes als Austauschgastspiel auf dem Spielplan des Wiesbadener Staatstheaters: Oppenheimer war, bevor er 1734 in württembergische Dienste trat, für den Hessischen Landgrafen tätig, und Paul Kornfeld, der 1942 im Konzentrationslager Lodz umgebracht wurde, arbeitete bis 1928 als Dramaturg am damals „ Hessischen Landestheater", wo er mit dem Stück begann. das sein bekanntestes werden sollte.

Der Regisseur, der in seiner trotz starker Kürzung Längen aufweisenden dreistündigen Inszenierung bewusst auf die heiklen Massenszenen verzichtet, zeigt ebensoviel Licht wie Schatten und rückt Oppenheimers emsig betriebenen Aufstieg, die ambivalente Duzfreundschaft mit dem staatsmännisch versagenden Herzog und das jähe Ende betont ins Zentrum. Die Stimme des unter der Last der neuen Steuern auf die Barrikaden gehenden, von Fremdenhass, Missgunst und Neid erfüllten, gebeutelten Volks, das in dem sich so sicher auf schlüpfrigem Parkett bewegenden Oppenheimer schnell den alleinigen Sündenbock sieht, lässt er durch die lautstarken Auftritte der empörten Landstände hörbar werden und zeigt auf diese Weise deutlich, wie schnell Antisemitismus entstehen kann - und immer wieder entsteht. Ein Einzelschicksal nur 200 Jahre später wird es sich millionenfach wiederholen!

Hermann Schein konnte zumindest die drei Hauptrollen mit hervorragenden Schauspielern besetzen, die nicht nur über großes Einfühlungsvermögen verfügen, sondern auch glänzend sprechen und in ihren scharfen Dialogen, in Gestik, Mimik und gegenseitigem Sich-abtasten - einschätzen und - dienstbar machen Kabinettstücke der Extraklasse bieten, wie man sie selten zu hören bekommt.

Andreas Manz bringt als Oppenheimer nicht nur wohl berechnete, scheinbare Naivität, Duldsamkeit und devote Freundlichkeit zum Ausdruck, sondern vor allem dessen Intellektualität und die Überlegenheit eines welterfahrenen, weitschauenden Geschäftsmannes. Matthias Kleinert gibt dem absolutistischen, aber regierungsunfähigen Souverän, der nichts als schönes Leben, Weiber und Suff im Kopf hat und in dem Juden den einzigen Menschen erkennt, der ihn und das Land aus der verzweifelten Lage retten kann, gleich starkes Profil: Erklärt ihn zum Freund und führt ihn in die höchsten Kreise ein deren „Spielregeln" Oppenheimer sich schnell zu eigen macht, lässt ihm in allem freie Hand - und wird bald von ihm beherrscht! Ein Duo, das sich sucht und braucht, das mit einander ludert und säuft und nicht von einander lässt - bis der Tod es scheidet: Als der Herzog den Trank mit dem Gift, der eigentlich seinem Berater zugedacht war, versehentlich schluckt und stirbt, sind die Würfel gefallen. Reglos neben der Leiche sitzend, weiß Oppenheimer, dass sein Schicksal besiegelt ist und blickt wie erstarrt geradeaus. Des Volkes Forderung nach Blut, „Der Jud soll hängen!" wird schrecklich in Erfüllung gehen.

Dem eindrucksstarken letzten Bild hätte man die vielen bunten Judensterne am Horizont allerdings ebenso schenken können wie den fast zur Karikatur geratenen, überzogenen Freudentanz des Karrieristen und die von Weibergeschrei erfüllte, allzu primitiv geratene höfische Orgie. Starker, langer Beifall einer Zuhörerschaft, die sich vom gewohnten Premierenpublikum auffallend unterschied.

Die nächsten Vorstellungen sind am 18. und 27. Januar, 09., 17. und 26. Februar. Kartenvorbestellungen unter Telefon 06 11 - 13 23 25

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